Einmal Schweiz und zurück
Es ist wieder soweit. 5 Rollerfahrer im gestandenen Mannesalter juckt es in der Gashand und es geht auf große Rollertour.
Es geht los
Die ersten 200 km düsen wir über die Autobahn, um „Strecke“ zu
machen. Diese verlassen wir jedoch bereits bei Offenburg. Durch das
Kinzigtal, vorbei an sonnenbeschienenen Weinstöcken und kleinen
Örtchen, durch saftig grüne Wiesen, dunkle Wälder und Täler, hinauf zu
den Hochebenen mit wunderbaren Fernblicken führt unser Weg.
Schwarzwaldhäuser mit ihren tief heruntergezogenen Walmdächern liegen
verstreut in einer herrlichen Landschaft, die jedes Schwarzwaldklischee
das in den Sinn kommt, bedient.
Weiter geht es auf kleinen, sich dahinschlängelnden,
kurvenreichen Strassen durch das Schuttertal und das Elztal im
Naturpark Südschwarzwald.
Die erste „Bergetappe“ ist der Kandel (1.241 m). Das Kandelmassiv
wirkt deutlich höher als es tatsächlich ist, dafür ist die Aussicht
jedoch toll.
Wir machen Bekanntschaft mit „Natur pur“ als wir
Rast am Hochkopfhaus zum Auerhahn in Todtnau-Herrenschwand am
Weissenbachsattel (1.087 m) machen. Die Verschnaufpause währt nur
äußerst kurz, da zahlreiche Zecken von den Bäumen auf uns herabrieseln
und wir daraufhin fluchtartig diesen „netten“ Ort verlassen.
Unterwegs stellen wir zu allem Überfluss fest, dass Karl-Heinz
sich einen Nagel in den Reifen gefahren hat. Für ihn ist daher erst
einmal ein Werkstattbesuch angesagt, den ihm unser Schweizer Freund
Walter kurzfristig vermitteln kann. Glücklicherweise ist der passende
Reifen vorhanden und der Mechaniker bereit, noch eine kleine Überstunde
einzulegen.
Am späten Nachmittag erreichen wir Rheinfelden an der schweizer Grenze, wo wir in einem kleinen Gasthof übernachten.
Rheinfelden / D – Gluringen / CH
Der Tag beginnt sonnig. Unser Weg führt uns zunächst über kleine
Seitenstraßen mit wenig Verkehr in Richtung Süden, danach geht es über
den Glaubenbergpass, einen kleinen Voralpenpass der Zentralschweiz. Auf
einer Gesamtlänge von 32 km führt die Strasse in vielen, flüssig zu
fahrenden Kurven auf eine Höhe von 1.543 m hinauf. Lediglich auf die
zahlreichen eisernen Weideroste muss man achten. Unterwegs genießen wir
die wunderschöne Aussicht auf das Sarnertal und die Gipfel der Berner
Alpen. Nach etwa 300 bewältigten Höhenmetern erreichen wir das Örtchen
Finsterwald. Hier versuchte man in den 1920iger und 1960iger Jahren
vergeblich, Erdöl in den schweizer Bergen zu fördern. An der Passhöhe
geht die sonst recht gute Straße für einige hundert Meter in einen
Schotterweg über. Folgt man dem anspruchsvollen Kurvenverlauf der
Abfahrt, erreicht man nach ca. 2 Km eine urige Gaststätte mit
Sonnenterrasse. Die Strecke hinunter nach Sarnen bietet mehrere
Serpentinen und herrliche Panoramablicke auf den Sarnersee, den
Brünigpass und den mächtigen, vergletscherten Titlis (3.020 m).
Kurz danach stoßen wir auf die Brünigstrasse, welche uns von Giswil
am Südzipfel des Sarner Sees über Kaiserstuhl am türkisblauen
Lungernsee entlang auf den Brünigpass (1.007 m) führt. Der Sattel des
Passes liegt zwischen den schweizer Bergen Wielerhorn (2.565 m) und
Giebel und verbindet das Aaretal mit dem Vierwaldstätter See.
Nach dem Ort Lungern steigt die Strasse in wenigen Serpentinen und
weiten Kurven durch dichten Wald aufwärts. Unterwegs lohnt ein Halt,
denn man hat eine wunderschöne Aussicht hinunter auf die Seen. Auf der
Passhöhe befinden sich auch der Bahnhof der Schmalspur-/Zahnradbahn der
Zentralbahn, welche die gleiche Strecke nimmt. Abwärts geht es über
wenige Kehren ins Haslital. Lange, geschwungene Serpentinen führen
durch den Wald, dann ist Meiringen erreicht. Die Tour führt uns weiter
nach Innertkirchen, wo die Straßen des Grimsel (2.165 m) - und der
Sustenpass (2.224 m) zusammentreffen.
Die Grimselstrasse zweigt südwärts ab und steigt das Haslital
hinauf. Sie geleitet uns in weite Schluchten von wilder Schönheit.
Gigantische Felsplatten von bis zu zweihundert Meter Durchmesser
tapezieren die Flanken und verleihen der Grimsel ein etwas abstraktes
Aussehen.
Die Strasse folgt einige Zeit dem Lauf der Aare und tritt dann in
die Granitpartie von Handegg über. Durch immer enger werdende
Schluchten steigt die Strasse weiter an. Die Strasse führt uns am -
künstlichen - Grimselsee entlang, erreicht auf 2.165 m den Gipfel um
dann am kristallklaren, tiefblauen Totensee vorbei in sieben langen
Zickzackkurven wieder ins Tal hinabzusteigen. Diese zebraartige
Streifung der südlichen Grimselstrasse ist weithin sichtbar und
erscheint dem Betrachter wie eine surrealistische Zeichnung. Der
Grimselpass endet im Walliser Gletsch und trifft hier auf den
Furkapass. Die auf 1.759 Meter Höhe gelegene Abzweigung ist zur
Sommerzeit oftmals Schauplatz berühmt-berüchtigter Autoschlangen.
Über Obergesteln, Ulrichen und Münster mit ihren braun-schwarzen
Holzhäusern erreichen wir schließlich unser Ziel, das Hotel Walliser
Sonne in Gluringen. Gerade rechtzeitig, bevor der Regen einsetzt.
Pass rauf - Pass runter
Der Wetterbericht für die Schweiz verheißt nichts Gutes – 70 bis
100 (!) Liter Niederschlag/qm. Unwetterwarnung. Tief hängen die dunklen
Wolken im Tal. Es schüttet wie aus schweizer Riesenkuhglocken. Als der
Regen im Verlauf des Vormittags etwas nachlässt, machen wir uns
dennoch, gut verpackt in Regenbekleidung, zur Tour auf – Rollerfahrer
sind schließlich keine Weicheier. Hinter Brig mit seiner schönen
Altstadt biegen wir zum Simplonpass (2.005 m) ab. Die Strasse ist
breit, hat nur wenige langgezogene Kurven und dürfte unter den
Alpenpassstrassen den Rekord für Lawinengalerien und Tunnel halten.
Entlang der Passstrasse sind die massiven Schutzhäuser, vor allem
das Alte Hospiz (13./17.Jh.) der Bernhardiner Chorherren auf der
Passhöhe – wo ein acht Meter hoher Steinadler an den 2. Weltkrieg
erinnert - sehenswert und die Dörfer Simplon (1.472m) und Gondo (855m)
unterhalb der wilden Gondoschlucht sind bereits von südlichem Charme
geprägt. Leider regnet es weiterhin. In den Tunneln und Lawinengalerien
beschlagen die Windschilder. Je näher wir dem Pass kommen, umso dichter
wird der Nebel. Bleischwer verhängen dunkle Wolken den Gipfel. Die
Sicht ist äußerst schlecht. Höchste Konzentration ist angesagt. In
Gondo (Italien) suchen wir erst einmal Schutz auf der Terrasse einer
Trattoria und stärken uns an leckerer Penne Arabbiata (Vorsicht –
scharf). Am frühen Nachmittag lässt der Regen nach und hört schließlich
ganz auf. Sogar die Sonne lässt sich jetzt sehen. Leider ist es für
unsere geplante Tour bis zum Lago Maggiore nun zu spät geworden. Wir
fahren daher über den Simplonpass zurück und beschließen, dem Nufenpass
(2.478 m) noch einen Besuch abzustatten.
Der jungen Rhone folgen wir bis Ulrichen im Goms. Dort biegen wir
ins Äginental ab; wo eine kleine Strasse den Steilhang zur Tessiner
Grenze auf dem Nufenpass (2.478 m) in zehn Haarnadelkurven zum Angriff
nimmt. Dieser höchste befahrbare Alpenübergang der Schweiz bietet einen
wundervollen Ausblick nordwärts auf die Berner Alpen sowie nach
Südwesten auf den Griesgletscher und das Blinnenhorn (3.300 m). Auf dem
Passsattel liegen sogar noch Schneereste und überall schwirren Japaner
mit ihren Kameras herum. Auch wir machen natürlich das obligatorische
Gipfelfoto. Dann geht es zurück zu unserer Unterkunft und der Tag
klingt bei einer „Kalorienbombe“ - leckeren Rösti, überbacken mit
schmackhaftem schweizer Käse -, aus.
Es geht zurück
Während Wolf und Walter noch in der Schweiz bleiben und auf
besseres Wetter warten, geht es für uns andere zurück. Der Tag beginnt
erneut mit dunklen Nebelwolken. Unser Weg führt uns hinauf zum
Furkapass, der auf der Westseite bis hinauf zum Pass breit ausgebaut
ist. Eine Zeit lang begleitet uns die Furka Dampfbahn, die dunkle
Rauchwolken in die Luft bläst, doch dann windet sich die Strasse am
Berg angeklebt in mehreren Serpentinen hinauf zum Hotel Belvédère. Die
gesamte Strecke erlaubt einen fantastischen Ausblick hinunter ins Tal
und hinüber zum Grimselpass. Auf der anderen Talseite kommt der
Rhonegletscher immer näher. Der Gletscher hat leider durch die
Klimaerwärmung einiges von seiner spektakulären Größe eingebüsst: Noch
um das Jahr 1850 reichte der Eisstrom bis weit in den Talboden
hinunter, heute liegt seine Gletscherzunge auf Höhe des Hotel Belvédère
(Es lohnt sich ein Abstecher in die Gletschergrotte, eine Eiskammer,
die jedes Jahr neu in den Gletscher geschlagen wird). Je höher wir dem
Gipfel kommen, umso kälter und nebeliger wird es. Eisiger Wind umbraust
uns und Schneereste säumen die Strasse. Dazu wird auf der Ostseite die
Strasse schmäler und schlechter. Die Sicht ist schlecht und alle paar
Meter gibt es lediglich ein paar Steinpfosten als Strassenbegrenzung;
Leitplanken - Fehlanzeige. Nichts für Leute mit Höhenangst. Im letzten
Stück reiht sich Serpentine an Serpentine, bis wir schließlich Realp
erreichen. An Andermatt, durch das Göschenental und an der
Teufelsschlucht vorbei, führt uns die kurvige Gotthardstrasse weiter
abwärts, begleitet von den sprudelnden Wassern der Tobel und der Bahn,
die wie ein schwarzer Strich am Hang klebt.
Wir erreichen schließlich den Vierwaldstätter See, wo gewaltige
Berge zu beiden Seiten aus dem Wasser ragen und an einen norwegischen
Fjord erinnern. Der See glänzt silbern in der Sonne.
Wir überqueren bei Päffikon den Zürichsee und erreichen bald darauf die deutsche Grenze.
Am späten Nachmittag bilden sich wieder gewaltige Gewitterwolken
über den Hängen des Schwarzwalds und wir erreichen gerade noch
rechtzeitig unsere Unterkunft in Donaueschingen, bevor der Himmel seine
Schleusen öffnet.
Unterwegs
Die Schwarzwaldhochstraße, eine der schönsten Panoramastraßen des
Schwarzwalds, führt uns weiter nach Norden. Entlang der ganzen Strecke
bieten sich uns herrliche Ausblicke in die Schwarzwaldtäler, ins
Rheintal und ins Elsass bis in die Vogesen. Unterwegs legen wir noch
eine kleine Rast im Städtchen Wolfach mit seinem historischen Stadtkern
ein, schauen dem regen Treiben auf der Marktstrasse zu, um danach
unseren Weg durch das Wolfstal mit seiner typischen
Schwarzwaldlandschaft fortzusetzen.
In Gernsbach trennen sich unsere Wege. Während Karl-Heinz über die
Autobahn weiterfährt, toure ich noch über kleine Nebenstrassen ein
wenig weiter. Der Weg ist ja bekanntlich das Ziel. In Wiesbaden lege
ich noch eine Zwischenübernachtung ein.
Das war`s
Heute geht es endgültig nach Hause. Über kleine Sträßchen geht es
durch das Wispertal im Rheingaugebirge. Die Sonne scheint aus einem
tiefblauen Himmel. Die Luft ist frisch und würzig. Ich bin auf den
kleinen Strassen entlang der Wisper fast alleine unterwegs.
Die über dem in die Wisper einmündenden Tiefenbach gelegene,
imposante Sauerburg, früher ein Hort räuberischer und unruhestiftender
Ritter, verleitet mich zu einem kleinen Abstecher ins Sauerthal, bevor
es wieder an den Rhein geht. Burgen und Weinreben sind jetzt meine
Begleiter. Eine letzte Rast am Deutschen Eck in Koblenz, wo Rhein und
Mosel zusammentreffen. Ich genieße die herrliche Aussicht auf die
Festung Ehrenbreitstein auf der anderen Rheinseite. Eine wunderschöne
Tour geht zu Ende.
Nachtrag
Wie aus gut unterrichteten Kreisen berichtet, haben Wolf und Walter
in der Schweiz noch eine kleine, kurze Tour unternommen, um das
herrliche Wetter auszunutzen (Nufenenpass - San Bernadino Pass -
Rofflaschlucht – Rheinschlucht bei Versam - Oberalppass - Sustenpass -
Brünigpass - Glaubenbergpass) – nur etwa 480 km an 1 Tag (!)
Weitere Bilder unter www.motorroller-info.de/html/schweiz.html
(c) Text/Bilder: Ralf Beelitz