Motorrollertour Mecklenburg-Vorpommern
Das Fazit vorweg: Meck-Pomm ist Landschaft, Landschaft und nochmals Landschaft und darin verstreut liegen zahlreiche schöne Städte und Örtchen.
Entlang der Straßen fällt das Auge immer wieder
auf weite Felder, Wiesen und Wälder. Kleine Seen laden zum Verweilen
ein. Mit über 2.000 Schlössern und Herrenhäusern ist
Mecklenburg-Vorpommern die schlösserreichste Gegend Europas. Die
denkmalgeschützten, oft kilometerlangen, mächtigen Kastanien- Buchen-
und Lindenalleen sind ein Traum. Warum uns hier fast keine
Motorradfahrer und noch weniger Motorroller begegnet sind, wird uns
immer ein Rätsel bleiben.
10.08.2008 Auf in den Kuhstall
Nach dem Besuch des Großroller - Heidetreffens in Uelzen verlegen
wir ( = meine Frau Evi und ich ) unser Quartier ins „Cafe Kuhstall“,
einem idyllischen gelegenem ehemaligen Bauerhof im Dörfchen Sagerheide,
in der Nähe von Rostock. Bei Sonnenschein ein Platz zum Träumen, bei
Regen sagen sich hier Fuchs und Hase gute Nacht und abends umkreisen
Fledermäuse die Scheune.
11.08.2008 Rostock und Warnemünde
Nur etwa 15 km vom „Kuhstall“ entfernt liegt die Hansestadt Rostock, das Tor zur großen weiten Welt.
Noch heute zeugen mächtige Kirchen, stolze Bürgerhäuser und Teile
der mittelalterlichen Stadtmauer von der Bedeutung Rostocks als eine
der ersten und einflussreichsten Hansestädte. Wichtige Tore wie das
Steintor, das Mönchentor und das 47m hohe Kröpeliner Tor sind noch
immer zu sehen und wurden vollständig saniert. Die Stadt wird von 3
monumentalen Backsteinkirchen überragt. Die älteste Kirche Rostocks,
die St.-Nikolaikirche, besitzt mehrere Besonderheiten: Unter dem Altar
befindet sich eine Straßendurchfahrt, der Schwibbogen und im
Kirchendach sind 20 Wohnungen untergebracht - näher am Himmel geht
nicht. Vom 117 Meter hohen Turm von St. Petri haben wir einen
grandiosen Blick auf das Häusermeer am Stadthafen und sogar bis zur
Ostsee. Am Neuen Markt, gegenüber dem Rathaus mit seiner rosaroten
Barockfassade, stellen wir unsere Silver Wing ab und werden wir auch
gleich von einem älteren Herrn angesprochen : „Was ist das denn ? Das
habe ich ja noch nie gesehen. Ist das ein Motorrad, ein Motorroller
oder ein Zwitter ?“ Darf man damit auf die Autobahn ? Wir geben
natürlich gerne Auskunft und freuen uns über das Interesse.
Beim Besuch des alten Stadthafens können wir anschließend noch
einige Groß- und Traditionssegler der soeben zu Ende gegangenen Hanse
Sail bewundern. Interessant ist auch der 10.000-Tonnen Frachter MS
Dresden, der an Bord ein Museum, eine Jugendherberge und ein Café
beherbergt.
Wir trinken noch einen Kaffee an der Kröpeliner Strasse, der
lebhaften Einkaufsmeile von Rostock und brechen dann in Richtung des
ehemaligen Fischerdorfs Warnemünde auf. Schon von weitem sehen wir die
Wahrzeichen von Warnemünde: den 1897 erbauten Leuchtturm am Ende der
Promenade und den unter Denkmalschutz stehenden „Teepott“ mit seinem
Hyparschalendach. Gerne lassen wir uns vom Flair dieses lebendigen
Ostseebades einfangen. Es macht Spaß, am „Alten Strom“ mit seinen
Fischkuttern und Fahrgastschiffen, liebevoll sanierten historischen
Kapitänshäusern und maritimen Kneipen entlang zu bummeln und natürlich
unterwegs ein obligatorisches Heringsbrötchen einzuschieben.
Mit der Fähre setzen wir nach Markgrafenheide über, was uns die
Gelegenheit gibt, ausgiebig das nur wenige Meter entfernt liegende
Kreuzfahrtschiff „ADIVAbella“ zu bewundern. Kurz darauf erreichen wir
Graal-Müritz. Der kleine idyllische Ort ist umgeben vom urwüchsigen
Wald der Rostocker Heide und dem weißen Sandstrand der Ostsee.
Kleine Nebenstrassen führen uns am „Rostocker Tor“ dem Wahrzeichen
der Bernsteinstadt Ribnitz-Damgarten vorbei wieder zurück zum
„Kuhstall“.
12.08.2008 Hansestadt Wismar - Kleinod zwischen Ostsee und Schweriner See
Das Mittelalter lebt - daran besteht in Wismar, das von drei hohen
Backsteinkathedralen überragt wird, kein Zweifel. Zahlreiche
Bürgerhäuser, die Nikolaikirche und der Hafen erinnern an hanseatische
Traditionen. Beeindruckend ist der große Marktplatz, flankiert von
bildschön restaurierten Giebelhäusern mit einladenden Cafés. Tipp : Wer
lecker essen möchte, sollte im urigen Restaurant „Alter Schwede“ einmal
einkehren.
Mitten auf dem großen Markt zieht ein einzigartiger Pavillon unsere
Blicke auf sich. Unter dem sanft geschwungenen Glockendach verbirgt
sich die "Wasserkunst" - eine der früher modernsten und heute eine der
ältesten erhalten gebliebenen Brunnenanlagen dieser Art in
Norddeutschland.
Die Straßen hinunter zum Hafen säumen Patrizierhäuser, Speicher und
Kontore. Kurz vor den Kaimauern erinnert das Wassertor an die alte
Stadtbefestigung, die einst die stärkste Festung Nordeuropas bewachte.
Am Wochenende findet hier ein kleiner Fischmarkt statt, wo fliegende
Händler ihre Waren anbieten, während es in der Woche eher ruhig zugeht
und wir daher mit Muße die Mole entlang bummeln können. Im Hafen
dümpeln einige Fischkutter und stattliche Segler und sorgen für
Romantik.
Auf der Rückfahrt machen wir erneut einen Abstecher nach
Warnemünde, wo drei große Ami-Kreuzfahrtschiffe angelegt haben;
darunter der 285m lange Luxusliner „Eurodam“. Fast 3.300 Passagiere
bevölkern den Passagierkai. Überall amerikanisches Kaugummigeschnatter.
Am Abend steigt auf der Mole eine große Hafenparty, auf deren Höhepunkt
mehrere Schlepper auf der Warnow zu Walzermelodien „tanzen“.
13.08.2008 Halbinsel Fischland, Darß, Zingst und Stralsund
Den ganzen Tag riecht es nach Meer, nach Fisch, nach Hafen; es
schmeckt nach Salz, nach Kiefernnadeln, Sand und Sonnenöl. Dazu eine
ständig wechselnde Landschaft mit flachen Badestränden, Wald und
schattigen Alleen. Die Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst mit ihrer
Boddenküste liegt zwischen den beiden Hansestädten Rostock und
Stralsund. Während Fischland scheinbar unendliche, weiße Sandstrände
besitzt, umgeben die Boddenlandschaft große Schilfgebiete und auf dem
Wasser verkehren noch die alten Zeesenboote mit ihren braunen Segeln.
Wie an einer Perlenkette reihen sich kleine Seebäder mit
Reetdachhäusern aneinander, die einst als Seefahrer- und Fischerdörfer
entstanden sind und sich ihren dörflichen Charme bewahrt haben. Einen
kurzen Halt mit Spaziergang sind sie immer wert. Unterwegs werden wir
immer wieder einmal von einer kräftigen Windböe durchgeschüttelt. Die
gesamte Strecke ist nicht sehr kurvenreich aber wegen der sehr schönen
Landschaft unbedingt sehenswert.
Über eine Drehbrücke erreichen wir Barth und nehmen Stralsund über
die reizvolle Nebenstrecke Groß Kordshagen, Groß Mohrdorf, Prohn ins
Visier. Wichtig: Das Straßenschild „Belagwechsel“ bitte unbedingt
beachten, da sich hier meistens der ansonsten gute Straßenbelag
urplötzlich in eine kaum beherrschbare Kopfsteinpflasterwüste
verwandelt.
Die Hansestadt Stralsund ist mit ihrer Geschichte, der einmaligen
Lage am Wasser und ihren historischen Bauten ein Höhepunkt unserer
Tour. Umgeben vom Strelasund und zahlreichen Teichen gilt sie auch als
das „Venedig des Nordens“. Den schönsten Blick auf die alte Stadt hat
man von der Wasserseite her. Weit sichtbar sind die drei Stadtkirchen
in der Altstadt und vor allem das mit sechs Giebeln gekrönte Rathaus
mit seiner imposanten Schmuckfassade. Ganze Straßenzüge sind seit
Jahrhunderten nahezu unverändert. Warum das Ganze nicht einmal von oben
betrachten ? Wir nehmen alle Kraft zusammen und hecheln die 350 Stufen
auf den Turm der mächtigen Marienkirche hinauf und werden mit einer
wunderbaren Aussicht über die Giebel, Backsteinbauten und glitzernden
Wasserflächen der angeblich schönsten Stadt an der Ostsee belohnt –
traumhaft.
Mit Blick auf das alte Segelschulschiff „Gorch Fock“ genießen wir
am alten Hafen ein Fischbrötchen, ehe wir noch einen kleinen Abstecher
zur Insel Rügen machen.
In einem eleganten Bogen schraubt sich die neue, 128 m hohe
Rügenbrücke in den azurblauen Himmel. 180.000 Tonnen Beton und 22.000
Tonnen Stahl wurden hier zur längsten Brücke Deutschlands verbaut. Ein
Insidertipp : Hinter dem Rügendamm rechts auf die alte, sehr
kurvenreiche Bäderstraße abbiegen; über Putbus, Sellin und Babe bis in
das kleine Örtchen Alt Reddevitz fahren und sich dort direkt am Wasser
einen Kaffee und noch warme Fischbrötchen schmecken lassen. Bei schönem
Wetter kann man von hieraus sogar den Greifswalder Dom und die
Marienkirche sehen.
14.08.2008 Bad Doberan, Heiligendamm und Kühlungsborn
Der Tag beginnt stürmisch. Der Himmel ist wolkenverhangen als wir
nach Bad Doberan, der ehemaligen Sommerresidenz der mecklenburgischen
Herzöge, aufbrechen. Sehenswert ist hier das gotische Münster des
ehemaligen Zisterzienserklosters. Wir verputzen gerade unser 2.
Frühstück, als urplötzlich und unerwartet ein fauchender Koloss an uns
vorbeirauscht - "Molli", eine Schmalspurbahn, die seit 1886 Bad Doberan
mit Heiligendamm und seit 1910 auch mit Kühlungsborn verbindet und
deren Schienenstrang mitten durch die Fußgängerzone Bad Doberan
verläuft.
Durch die längste Lindenallee Europas touren wir nach
Heiligendamm, der „weißen Stadt am Meer“ und ältestem deutschen Seebad.
Leider ist hier die Sicht auf den Strand in weiten Bereichen durch das
5 Sterne Hotel Kempinski versperrt. Also zügig weiter nach
Kühlungsborn, auch "Grüne Stadt am Meer“ genannt, dem größten Ostseebad
Mecklenburgs. Die fast 5 km lange Flaniermeile mit freiem Meerblick ist
die längste Uferpromenade Deutschlands und lädt ausgiebigen Flanierspaß
ein. Liebevoll restaurierte Villen geben dem Ostseebad das Flair eines
Seebades der Jahrhundertwende. Leider ist der Ort kein Geheimtipp;
überall wuseln Scharen von Touristen umher.
Menschenleer sind dagegen die denkmalgeschützte Alleen, holprigen
Kopfsteinpflasterwege, aber auch sanften, glatt asphaltierten
Sträßchen, die uns weiter über die „Kühlung“ führen, eine
Hügellandschaft, in der es plötzlich mächtig steil bergauf und bergab
geht und deren höchste Erhebung mit 130 m (!) der Diedrichshagener Berg
ist. Die Hügel, von denen wir eine herrliche Aussicht über die Felder
bis zur Ostsee haben, werden von den Mecklenburgern gerne als „Berge“
bezeichnet - na ja, alles ist relativ und immerhin ist hier die höchste
Erhebung in ganz Meck-Pomm und die Strecke über die L 11 in Richtung
Kröpelin ist landschaftlich unbedingt einen Abstecher wert.
Unser Ziel ist die 50 km südlich von Rostock gelegene ehemalige
Residenzstadt Güstrow. Ein Rundgang durch die historische Altstadt
gleicht einer Reise in die Geschichte. Sehenswert ist der Markt mit
Rathaus, Pfarrkirche und zahlreichen liebevoll restaurierten
Bürgerhäusern.
Am Rande der Altstadt überrascht uns ein optischer Leckerbissen:
das Güstrower Schloss, eines der schönsten Renaissanceschlösser
Norddeutschlands, mit seinem unerwartet südländischen Charme. Am
angrenzenden Ziergarten mit seinen ornamentartigen Rabatten,
Laubengängen und Wassergräben den Roller auf den Seitenständer stellen,
sich auf eine Parkbank setzen und das Schloss im Sonnenuntergang
betrachten - das ist ein romantischer Abschluss für diesen Tag.
15.08.2008 Vom Kuhstall zur Müritz
Tessin, Laage und Glasewitz heißen die Stationen unserer
abwechslungsreichen Wald- und Wiesenpartie auf schmalem Asphalt, ehe
wir Krakow durchfahren. Ein Abstecher nach Krakow ist Pflicht. Der
malerische Ort liegt direkt am gleichnamigen See mit seinen zahlreichen
Buchten, Inseln und Inselchen und ist von mehreren Naturschutzgebieten
umgeben.
Unser Weg nach Waren, der heimlichen „Hauptstadt“ der Mecklenburger
Seenplatte, führt uns durch eine reizvolle Hügel- und Seenlandschaft
rund um die Müritz, Norddeutschlands größtem Binnensee.
Waren ist wunderschön am Ufer der Müritz gelegen und erstrahlt
wieder in neuem Glanz: Wo sich vor wenigen Jahren noch Baukräne
drehten, zeigen sich heute liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser. In
der Altstadt haben viele gemütliche Geschäfte und Restaurants geöffnet.
Vom Turm der Marienkirche bietet sich zudem ein unvergleichliches
Panorama über das restaurierte Rathaus zum neuen Stadthafen mit den
sanierten Speichern, wo das Leben im, am und auf dem Wasser pulsiert.
Nach einem kleinen Abstecher zum Malchiner See erwartet uns schon
bald die Einfahrt in die Mecklenburgerische Schweiz, deren Kuppen sich
bis zu einer Höhe von immerhin 100 Metern emporschwingen. Hinter jedem
Hügel, jeder Kurve eröffnen sich uns immer wieder überraschende
Aussichten. Gelbbraunen Stoppelfelder wechseln sich mit tiefblaue Seen
und schattigen Wäldern ab. Klatschmohn und Kornblumen säumen die
Felder, knorrige Obstbäume und mächtige Kastanien die Chausseen.
Unerwartete Kurven und gut getarnte Bahnübergänge fordern uns immer
wieder heraus. Tief hinein ins Miniaturgebirge, bringt uns die Deutsche
Alleenstrasse bis nach Malchin und von dort geht es fast schnurgerade
auf der B 104 nach Teterow, dem geographischen Mittelpunkt
Mecklenburg-Vorpommerns, umgeben von idyllischen Moränenzügen am
Südufer des Teterower Sees. Bekannt ist Teterow für seinen ganz
besonderen "Ring" – den Bergring, die größte Grasrennbahn Europas. Seit
1930 zieht die Rennstrecke für Motorräder Jahr für Jahr um Pfingsten
tausende Motorsportbegeisterte und Biker in ihren Bann.
Der Tag ist wie im Fluge vergangen und wir machen noch einen
letzten Abstecher nach Rostock. Da sich unsere hungrigen Mägen
lautstark melden, ist Restaurantsuche angesagt. Nach fast einer Stunde
ungeduldigen Suchens stehen wir am Hafen vor dem Lokal „Borwin
Hafenrestaurant“. Wir zögern, ob wir diese Örtlichkeit wirklich
betreten sollen, die uns äußerlich eher an eine große Bretterbude mit
vorgebauter Veranda als an ein Speiselokal erinnert. Hier sollen wir
essen ?!?! – Glücklicherweise sind wir dem Ruf des Hungers dann doch
gefolgt und werden völlig überrascht: selten haben wir so leckeren
Fisch ( Scholle und Zanderfilet ) gegessen und dabei noch eine so
schöne Aussicht genossen. Ein Tipp also für alle, für die Fisch die
Welt bedeutet.
Bilder unter www.motorroller-info.de
(c) Text/Bilder: Ralf Beelitz