Motorrollertour Thüringen
In Deutschlands Mitte gelegen wird der Freistaat Thüringen wegen seines Waldreichtums auch "Das Grüne Herz Deutschlands" genannt. 2,3 Mio. Thüringer teilen sich über 16.100 Quadratkilometer Fläche, da bleibt viel Platz für Motorrollertouren auf gut ausgebauten und wenig befahrenen Kurvenstrecken durch Wälder und Hügelland.
Der Weg ist das Ziel
450 km liegen hinter uns - den Rollerfreunden Grenzland - als wir
in Suhl, der von Bergen und dunklen Wäldern umgebenen früheren
„Waffenkammer Europas“ und Heimat der Mopedlegende „Schwalbe“, ankommen
und in der Pension „Stadt Kaffee“ im Herzen der Stadt unser Quartier
nehmen.
Stolze Burgen, fallende Wasser und hohe Berge
Eine kleine, schmale Landstraße führt uns nach Schwarza, umgeben
von Bergwiesen und dichten Nadelwäldern, am Südhang des Thüringer
Waldes gelegen. Am Ortsende lohnt es sich, auf der K 2513 in Richtung
Christes abzubiegen. Die kleine Landstraße befindet sich in einem
hervorragenden Zustand und schlängelt sich in sanften Kurven durch den
Wald. Die sieben Kilometer von Schwarza nach Christes sind ein wahres
Sahnestück.
Kaum weniger schön führt der Tourenverlauf von Christes über
Breitenbach nach Schmalkanden mit seinen wunderschönen Fachwerkhäusern
im mittelalterlichen Stadtkern und von dort - auf einem teils recht
schmalen Teerband mit merklich schlechterem Belag - weiter ins
Trusetal. Der Trusetaler Wasserfall fasziniert mit Millionen
Wassertropfen und schillernden Regenbögen. Der höchste Wasserfall des
Thüringer Waldes ist allerdings kein natürlich entstandenes
Naturphänomen sondern künstlich angelegt. Der Schönheit der tosenden,
60 m kaskadenartig ins Flussbett der Truse herabstürzenden,
Wassermassen tut dies allerdings keinen Abbruch. Störend sind lediglich
das Kassenhäuschen davor und die zahlreichen touristischen
Verkaufsbuden.
Die Freunde der Gartenzwerge sollten am Ortsausgang unbedingt
halten, denn hier befindet sich ein Zwergenpark. Über 1.500 Zwerge
aller Art sorgen hier für jede Menge Unterhaltung.
Weiter schwingen wir uns auf höchst kurvenreicher Piste über Bad
Liebenstein - dem ältesten und größtem Heilbad Thüringens, wo bereits
Goethe kurte - und Gumpelstadt nach Waldfisch. Von hieraus bietet die
Landstraße weiter kurvenreichen Fahrspaß durch den Thüringer Wald.
In Marksuhl stossen wir auf die B 84. Sofort wir der Verkehr
deutlich stärker und LKW`s quälen sich vor uns durch die Kurven, bis
wir schließlich Eisenach erreichen, wo einst Martin Luther zur Schule
ging und Johann Sebastian Bach geboren wurde. Hier herrscht buntes
Treiben. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie die Nikolaikirche sowie
das Bach- und das Lutherhaus, liegen nur einen Steinwurf auseinander
und hoch über der Stadt thront die Wartburg, berühmtes Wahrzeichen
deutscher Geschichte. Hier übersetzte Martin Luther das neue Testament,
hier soll er mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben und hier
stritten Minnesänger um die Ehre des Besten. Nach steilem Aufstieg
schlendern wir gemütlich durch das enge, auf steilem Fels gelegene
Burgareal und genießen einzigartige Ausblicke auf Eisenach und
Umgebung.
Als „landschaftlich schöne Strecke“ ist die „Klassikerstrasse“
ausgezeichnet, der wir in Richtung Wilhelmstal und dann nach Ruhla,
gelegen in einem langgestreckten engen Gebirgstal, folgen. Hier kann
man, falls es denn die Zeit erlaubt, im Miniaturenpark „mini-a-thür“
über 60 der berühmtesten Thüringer Sehenswürdigkeiten bewundern. (Uns
hat es die Zeit leider nicht erlaubt).
Kurve reiht sich an Kurve auf den einsamen Strassen durch den Wald, der nur wenige Lichtungen für einen Rundblick öffnet.
Über Brotterode, Richtung Tabarz und nach dem sogenannten Kleinen
Inselsberg, wedeln wir auf engen Serpentinen eine kurvige
Pflasterstrasse hinauf zum Großen Inselsberg - für einen Blick über das
dunkle Grün ins Thüringer Land aus 916 Meter Höhe. Die
Wahnsichtsaussicht reicht bei klarem Wetter bis zum 100 km nördlich
gelegenen Harz. Unmittelbar über die Bergkuppe mit seiner imposanten
Sendeanlage, die wegen ihrer zylindrischen Form den Beinamen
„Thermosflasche“ trägt, verläuft der berühmteste Wanderweg Thüringens –
der Rennsteig. Er verläuft auf der 168 km langen Kammlinie von der
Werra bis zur Saale und soll in alten Zeiten einmal die Grenze zwischen
den Thüringer und Fränkischen Königreichen gewesen sein. Leider ziehen
plötzlich tiefschwarze Wolken um den Gipfel auf, sodass wir uns an die
Abfahrt machen, ehe sich die die Strasse in eine seifige Rutschbahn
verwandelt.
Zwischen den Ortschaften Tabarz und Friedrichsroda kommen wir an
der Marienglashöhle vorbei, einer überwiegend durch Bergbau
entstandenen Schauhöhle. Der Name Marienglas wird für klare
Gipskristalle verwendet und stammt von deren Verwendung als Glasersatz
vor Marienbildern. Bei Lust und Muße empfiehlt sich auch ein
lohnenswerter Stopp beim fast tausendjährigen Schloss Reinhardsbrunn
bei Friedrichroda, wo der Märchenfilm Rapunzel gedreht wurde.
Wir folgen der Landstraße nach Kleinschmalkalden. Erneut kommen
wir vor lauter Kurven und der herrlichen Landschaft aus dem Staunen
nicht heraus. Dieser Tourabschnitt ist Genuss pur. Am Ortsausgang von
Kleinschmalkalden geht es über eine alte Steinbrücke weiter nach
Seligenthal. Zwei Besucherbergwerke säumen den ansonsten touristisch
wenig interessanten Weg Richtung Floh-Seligenthal. Ab Struth-Helmershof
verlangen jedoch bereits wieder knackige Kurven unsere Aufmerksamkeit
und der weitere Tourenverlauf bis Rotterode führt uns über eine
Höhenstraße mit herrlicher Aussicht auf golden blühende Rapsfelder.
In Ruppberg biegen wir auf eine kleine Nebenstecke ab, welche uns
kurvengenüsslich wieder zurück nach Suhl führt. Der Ruf nach ‘ner Tanke
für Scooter und Mensch wird lauter und wir lassen den Tag bei einem
leckeren Hasseröder Pilschen - oder auch 2 oder 3 oder… - genussvoll
ausklingen. Rollern im Thüringer Wald machen hungrig und durstig. Vor
allem aber eins: Glücklich.
Lebendige Geschichte, grüne Höhen und ein dunkles Tal
Wolkenloser, blauer Himmel, Sonnenschein – ein Tag wie geschaffen für eine lustvolle Rollertour.
Einsam geht’s voran durch die Thüringer Wälder. Die gut ausgebaute
Strecke bietet dank ihrer Kurven reichlich Abwechslung. Vorbei am
Rennsteiggarten mit seinen fast 4.000 seltenen Pflanzenarten aus den
Gebirgen Europas und der Welt erreichen wir Oberhof, die frühere
„Kaderschmiede“ des Wintersports, mit Skisprungschanze und
Eisrodelbahn. Weltmeisterschaften, Weltcups, internationale und
nationale Wettkämpfe sowie die zahlreichen Erfolge der Wintersportler
haben Oberhofs Ruf als Wintersportzentrum geprägt. Hier auf über 900 m
Höhe, dringt die Kälte schnell durch unsere Motorradhandschuhe. Ja
haben wir denn tatsächlich noch Winter?
Am idyllisch gelegenen Technikmuseum Tobiashammer in Ohrdruf legen wir eine kurze Rast ein.
In Wachsenburggemeinde, am 1. Deutschen Bratwurstmuseum, treffen
wir Lucy und Hansi vom thüringer Rollerclub „Die Roller“. Gemeinsam
steuern wir flott über die „Klassikerstrasse“ Erfurt an. Thüringens
Städte haben es „in“ sich, wie wir beim Bummel durch die
Landeshauptstadt feststellen. Das einzigartige Ensemble von Mariendom
und St. Severi Kirche und natürlich die Krämerbrücke – die komplett
erhaltene, längste bebaute Brückenstrasse Europas. Wer gerne auf
Entdeckungsreise geht, dem hat Erfurt einiges zu bieten.
Natürlich führt auch an Weimar kein Weg vorbei und so geht es
über die Zwei-Burgen-Stadt Kranichfeld, durch blühende und duftende
Landschaften soweit das Auge, reicht weiter zur Kulturhauptstadt des
Jahres 1999. Immerhin stehen 16 einzigartige Objekte Weimars auf der
Liste des Weltkulturerbes. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, das
Cranach Haus, Goethes Wohnhaus – da schlagen nicht nur die Herzen
eingefleischter Kulturfans höher. Irgendwie ist auch die „Roster“, die
thüringer Rostbratwurst, ein Kulturgut und so gibt es am Bratwurststand
am Markt vor der Weiterfahrt erst einmal eine Stärkung. Zurück am
„Platz der Demokratie“ stellen wir fest, dass die Ordnungsmacht Weimars
kein Pardon kennt – 15 € kostet jeden von uns das Sightseeingvergnügen
wegen Parkens auf dem Bürgersteig.
Die Bier- und Burgenstrasse führt uns weiter nach Rudolstadt, am
Ufer der Saale in einer waldreichen Landschaft am Eingang zum
Schwarzatal gelegen. Über der Stadt erhebt sich weithin sichtbar die
Heidecksburg. Das ehemalige Residenzschloss birgt in seinen Innenräumen
eine Fülle von architektonisch und kulturhistorisch wertvollen
Kostbarkeiten. Am Fuße der Heidecksburg lädt die historische Altstadt
mit ihren verwinkelten Gassen, ihren Kirchen und
Renaissance-Bürgerhäusern zum Verweilen ein.
Noch vor Bad Blankenburg lockt die Burg Greifenstein zu einem
kleinen Abstecher. Die Burg an sich ist sehr schön und lohnt sicher
einen Besichtigungsstopp. Wir grüßen die Burg heute jedoch nur aus der
Ferne mit der linken Hand vom Lenker und steuern zügig auf Bad
Blankenburg zu. Hier stoßen wir auf den kleinen, dahinplätschernden
Fluss Schwarza, bevor dieser in die Saale mündet.
Wir halten uns in Richtung Schwarzburg und sind schon mittendrin
im wildromatischen Schwarzatal, dem Tal der Porzellanherstellung und
Glasbläser. Schmal und kurvig schlängelt sich die winzige Straße im
Licht und Schattenspiel an der Schwarza entlang, gesäumt von hohen,
dunklen Tannen und steilen Felsen. Zu flott geht es eh nicht voran und
mit etwas weniger Speed lässt sich diese Sahnestrecke einfach besser
genießen - herrlich!
Steil bergan führt eine kleine Nebenstrecke nach Oberweißbach, der
Bergstation der legendären Oberweißbacher Bergbahn in mitten des
"Thüringer Kräutergartens", einer reizvollen Mittelgebirgslandschaft.
Die unter Denkmalschutz stehende steilste Standseilbahn der Welt zum
Transport normalspuriger Eisenbahnwagen überwindet von der Talstation
Obstfelderschmiede bis Lichtenhain/Bgb. auf einer Strecke von 1.360 m
einen Höhenunterschied von 320 Metern. Berauschend ist der endlose
Blick von hier oben über die Höhen des Thüringer Waldes.
Nicht zu enge geschwungene Kurven geleiten uns von Neuhaus am
Rennweg nach Katzhütte. Einfach herrlich zu fahren. Auf den gut
ausgebauten, verkehrsarmen Strassen könne wir jetzt auch einmal die
Gashand arbeiten lassen. Da macht „Kurven räubern“ doch gleich noch mal
soviel Spaß!
Als sich die Sonne anschickt, im Westen zu versinken, erreichen
wir wieder Suhl und hier endet dann auch unsere Reise durch das Land
der einzig echten Rostbratwürste, durch das Land von Luther, Bach und
Goethe.
Bilder unter www.motorroller-info.de
(c) Text/Bilder: Ralf Beelitz